{"id":155,"date":"2021-04-30T13:37:00","date_gmt":"2021-04-30T11:37:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/?p=155"},"modified":"2021-06-16T11:42:44","modified_gmt":"2021-06-16T09:42:44","slug":"ahorn-auf-dem-balkon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/2021\/04\/30\/ahorn-auf-dem-balkon\/","title":{"rendered":"Ahorn auf dem Balkon"},"content":{"rendered":"\n<p>Heute Morgen weckte mich kein Vogelgezwitscher. Als ich hinausschaute, blickte ich in einen grau-geschlossenen Himmel.<br>Offensichtlich m\u00f6gen V\u00f6gel Regen auch nicht so sehr, dachte ich verst\u00e4ndnisvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, was war das? Vor dem nassen dunklen Stamm des Ahorns entdeckte ich einen gr\u00fcnlichen Schimmer, der sich sanft bewegte. Gestern war das noch nicht zu sehen- ein Blatt? Endlich!<br>Sehnsuchtsvoll hatte ich t\u00e4glich meinen Baum betrachtet und beobachtet, wie die Knospen dicker und dicker wurden.<br>Und nun entdeckte ich vom Bett aus das erste Gr\u00fcn \u2013 ein Maigr\u00fcn, mehr gelblich als bl\u00e4ulich.<br>Das ist ein Fr\u00fchlingsversprechen. Die graue N\u00e4sse war vergessen.<br>Nun suchte ich eine Knospe nach der anderen ab. Die \u00c4ste waren so tot, so winter schwarz, dass jeder Farbtupfer sofort auffiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie liebte ich meinen Baum. Er hatte sich im Blumenkasten selbst ausges\u00e4t. Nachdem er so enorm gewachsen war, dass er den Kasten zu sprengen drohte, pflanzte ich ihn in einen gro\u00dfen K\u00fcbel. Seither war er zu einem stattlichen Bergahorn heran gewachsen, spendete Schatten und schenkte mir die Illusion inmitten eines Waldes zu schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Baum wuchs und wuchs, erf\u00fcllte ganz und gar die Symbolik vom Lebensbaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Jahr verbarg er mit seinem Laub die fernen H\u00e4user und im Herbst schenkte er die lustigen Samenfl\u00fcgel, bevor er sich im Winter zum Schlafen zur\u00fcckzog. Dann sch\u00f6pfte er wieder Kraft, um weiter zu wachsen hoch \u00fcber die Etage hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Allm\u00e4hlich hatte ich begonnen, mir Sorgen zu machen, wohin er noch wachsen wollte.<br>Mir fiel das M\u00e4rchen vom s\u00fc\u00dfen Brei ein. Ein armes M\u00e4dchen hatte einen Topf mit s\u00fc\u00dfen Brei geschenkt bekommen, der sich immerzu f\u00fcllte und nur aufh\u00f6rte, wenn man sagte: \u201eT\u00f6pfchen steh still.\u201c Verga\u00df man das Zauberwort, h\u00f6rte das T\u00f6pfchen nicht auf, Brei zu kochen, der dann bald \u00fcber den Rand quoll, sich in der ganzen Stube verbreitete, \u00fcber die Stra\u00dfe hinweg in andere H\u00e4user drang.Musste ich meinem Baum Einhalt gebieten?<br>Pl\u00f6tzlich erinnerte ich mich an die ungeheure Naturkraft der W\u00fcrgefeigen in Ankor Watt, Kambodscha. Lebhaft sah ich die gesprengten Mauern der Tempel und Buddhaskulpturen vor mir. Jahrhunderte lang war der riesige Stadtkomplex vom Urwald \u00fcberwuchert worden und verschwunden so wie die Azteken Tempel in Mittelamerika.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich rief ich meinen Bruder zu Hilfe, der mit einer Schere das Wachstum so bannte, dass der Baum nun in die Breite wuchs.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt erwartete ich wieder sehnsuchtsvoll das Laub aus den scheinbar abgestorbenen \u00c4sten \u2013 wahrhaftig ein Symbol des Lebens, der Wiederauferstehung, des ewigen Kreislaufs.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Baum \u2013 ein Symbol des Lebens \u2013 des stetigen Wandels \u2013 ein Lebensbaum wie er in der Mythologie der Menschheitskulturen existiert:<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Baum symbolisiert die Welt: die Wurzeln sind die Unterwelt, der Stamm die Welt der Menschen und die Krone steht f\u00fcr den Himmel, erinnerte ich mich und konnte es kaum erwarten, wieder in seinem Schatten zu sitzen;<\/p>\n\n\n\n<p>und von meinem Bett aus die V\u00f6gel zu beobachten: die Blau- und Kohlmeisen, Rotkehlchen, sogar ein Zaunk\u00f6nig hatte sich nach hier oben verirrt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich dieser Erinnerung nachhing, fiel mir ein Kinderlied ein:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKommt ein Vogel geflogen,<br>setzt sich nieder auf mein\u2018 Fu\u00df,<br>h\u00e4lt ein Briefchen im Schnabel,<br>von dem Liebsten einen Gru\u00df.\u201c\u2026\u2026.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist im Japanischen das Ahornblatt nicht ein Liebessymbol? Wie passend, obwohl die Japaner dabei wahrscheinlich an ihren Feuerahorn denken und nicht an den Bergahorn, der sich im Herbst \u201enur\u201c in strahlendes Gelb verwandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich ist der Bergahorn die Weltesche Yggdrasill der Germanen. Und wenn ich gut mit ihr umgehe, wird sie vielleicht f\u00fcr mich auch der Baum der Erkenntnis von Gut und B\u00f6se.<\/p>\n\n\n\n<p>Zumindest symbolisiert mein Baum die Magie des Wandels, des ewigen Lebendigseins durch Ver\u00e4nderung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute Morgen weckte mich kein Vogelgezwitscher. Als ich hinausschaute, blickte ich in einen grau-geschlossenen Himmel.Offensichtlich m\u00f6gen V\u00f6gel Regen auch nicht so sehr, dachte ich verst\u00e4ndnisvoll. Aber, was war das? Vor dem nassen dunklen Stamm des Ahorns entdeckte ich einen gr\u00fcnlichen Schimmer, der sich sanft bewegte. Gestern war das noch nicht zu sehen- ein Blatt? 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