{"id":159,"date":"2020-03-01T13:41:43","date_gmt":"2020-03-01T12:41:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/?p=159"},"modified":"2021-07-02T09:37:06","modified_gmt":"2021-07-02T07:37:06","slug":"mein-corona-kann-krise-auch-eine-chance-bedeuten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/2020\/03\/01\/mein-corona-kann-krise-auch-eine-chance-bedeuten\/","title":{"rendered":"Mein Corona \u2013 Kann Krise auch eine Chance bedeuten ?"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Quarant\u00e4ne habe ich schon 3 Monate l\u00e4nger ge\u00fcbt, denn eine heftige Verletzung meines rechten Sprunggelenkes nagelte mich in meiner Wohnung im 3. Stock fest. F\u00fcr mich als bewegungsfreudigen Menschen ein Schock.<br>Und nun befinde ich mich zudem auch noch in der Hochrisikogruppe.<br>Mit einigem Erstaunen stelle ich fest, dass da drau\u00dfen sich etwas \u201enoch nie Dagewesenes\u201c, absolut Schreckliches, Todbringendes ereignet hat.<br>Die Welt da drau\u00dfen- so h\u00f6re ich- hamstert Klopapier und hortet Nudeln. Warum? Muss ich auch hamstern und horten? Und wer sollte das f\u00fcr mich tun? Wenn sie doch f\u00fcr sich selbst nichts bekommen?<br>Bevor mein pers\u00f6nliches Lockdown sich abzeichnete, hatte ich \u201ewie ein Weltmeister\u201c eingekauft, doch nun nach mehr als 4 Wochen half auch die genialste Kreativit\u00e4t mir nicht mehr, irgendetwas halbwegs Schmackhaftes zu kreieren. Auch brauchte ich Zahnpasta. Recht verunsichert fragte ich, kann man denn \u00fcberhaupt etwas zu essen kaufen. Ja, klar. Aufatmen. Vielleicht sogar etwas \u201eGr\u00fcnes\u201c, Frisches, Obst? Gem\u00fcse? Ja, nat\u00fcrlich. Und Blumen? Auch das.<br>Fast beruhigt widmete ich mich wieder meinem Training auf einem Bein, das andere in Gips, auf Kr\u00fccken gest\u00fctzt meinen Tagesablauf zu organisieren, im Stillen mich wundernd, welche Urgewalt in Gestalt eines Virus \u00fcber ein hochzivilisiertes, reiches Land wie Deutschland hereingebrochen war.<br>Und es wurde von Tag zu Tag schlimmer. In allen Medien wurde nur noch dar\u00fcber berichtet und, was mich am meisten beeindruckte: die Einschr\u00e4nkungen der Menschenrechte wurden widerstandslos hingenommen!<br>\u00d6ffentliche Veranstaltungen wie Kultur, Sport und Religion geschlossen, soziale Einrichtungen \u2013au\u00dfer den Kliniken- geschlossen, Ausgeh- und Versammlungsverbote, Industrie-und Wirtschaft- au\u00dfer den systemrelevanten- runtergefahren, gigantische finanzielle Hilfssummen bewilligt, usw. Einkaufen durfte man, aber nur unter Beachtung der hygienischen Sicherheitsma\u00dfnahmen (Mund\/Nasenschutz u.\u00e4.)<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/01.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-168\" width=\"315\" height=\"420\" srcset=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/01.jpg 405w, https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/01-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 315px) 100vw, 315px\" \/><figcaption>\u201esocial distancing\u201c<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich nach Monaten der Zwangsimmobilit\u00e4t vorsichtig wieder erste Gehversuche \u00fcbte, erleichtert im doppelten Sinn, weil ohne Gips und Bleischuh, schlie\u00dflich endlich auch ohne Kr\u00fccken, erleichtert, weil ich meine Bewegungsfreiheit wieder zu erlangen schien, zwar immer noch verbannt auf der 3. Etage, versank drau\u00dfen die Welt im Stillstand. Zwischen mir und der Welt lagen 3 Etagen, die hinunter zu gehen, um z.B. an den Briefkasten zu gelangen, lag noch immer jenseits meiner M\u00f6glichkeiten. Aber ich lernte, mich wieder in meiner Wohnung zu bewegen \u2013 welche M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffneten sich mir! Welche Befreiung!<br>Die Freude \u00fcber meine eigene Bewegungsm\u00f6glichkeit stimmte so gar nicht mit dem \u00fcberein, was ich von drau\u00dfen h\u00f6rte! Denn da zeichneten sich allm\u00e4hlich die Folgen der eingeschr\u00e4nkten Bewegungsfreiheit ab.<br>Ich freute mich \u00fcber jeden Schritt, den ich nach 6 Monaten wieder tun konnte und drau\u00dfen wuchs die Panik \u00fcber die Einschr\u00e4nkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eindruck vertiefte sich, in zwei verschiedenen Welten zu leben, beide gekennzeichnet von reduzierter Bewegungs- und Kontaktm\u00f6glichkeit.<br>Dabei durfte man doch rausgehen, einkaufen, spazieren gehen. Mir fiel es schwer, die Dramatik zu verstehen. Davon, wovon ich seit Monaten tr\u00e4umte, selbst einkaufen zu k\u00f6nnen, wieder unabh\u00e4ngig von der Hilfsbereitschaft anderer zu werden, das sollte nichts<br>bedeuten? Oder sogar spazieren gehen \u2013 welcher Freiheitsgewinn! Einfach aufstehen k\u00f6nnen und in einen anderen Raum gehen oder die hohe Schwelle zum Balkon \u00fcberwinden, um drau\u00dfen Luft zu holen \u2013 nichts wert?<br>Monatelang hatte ich jeden humpelnden Schritt \u00fcberlegt, ob er denn wirklich unvermeidbar sei, bevor ich mich dazu entschloss. Das hatte so viel Energie gebraucht, dass ich mich nur marginal mit Corona besch\u00e4ftigte. Doch nun l\u00e4sst mich der Gedanke nicht los, meine doppelten Quarant\u00e4ne-Ereignisse zu untersuchen. Was ist unterschiedlich, was ist vergleichbar an diesen beiden Krisen?<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer der Gemeinsamkeit der eingeschr\u00e4nkten Bewegungsm\u00f6glichkeiten ist es wohl die Erfahrung, dass Gewohntes nicht mehr geht, was das Erlebnis einer existentiellen Krise ausl\u00f6st.<br>Mir geht es nicht darum, das Drama der einen gegen das der anderen aufzurechnen, was das je \u201eExistentielle\u201c ausl\u00f6st, sondern einmal darum, was wird als existentiell erlebt, zum anderen, was l\u00e4sst sich aus einer solchen Erfahrung lernen. L\u00e4sst sich die Krise auch als Chance begreifen und vor allem dann auch nutzen? Denn schon immer wurde eine Entwicklung durch die \u00dcberwindung von Schwierigkeiten bef\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Corona-krise l\u00f6ste in der Gesellschaft zun\u00e4chst Panik aus, ablesbar an den Hamsterk\u00e4ufen von Klopapier und Nudeln. Gehorsam folgte die Bev\u00f6lkerung der Anweisung, nicht mehr vor die T\u00fcr zu gehen, aus Angst vor dem zwar identifizierten, doch unberechenbaren Virus. Offenbar ist in der Verunsicherung eine klare Ansage, selbst wenn sie massive Einschr\u00e4nkung der Grundrechte bedeutet, leichter zu ertragen als Ungewissheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach und nach wurde deutlich, was der shut-down bewirkte. Kinder konnten weder in die Schule noch in die KiTa gehen, Eltern arbeiteten im Homeoffice, Reisen fanden nicht mehr statt, Unterhaltung sei es Kultur oder Sport war nicht mehr m\u00f6glich. Eine Zeitlang fanden noch Geisterspiele statt und dann auch die nicht mehr. Kranke, Pflegebed\u00fcrftige, Gro\u00dfeltern und Gottesdienste durften nicht mehr besucht werden. Kontaktsperre total.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Stra\u00dfen wurde es still, am Himmel leise, die Luft besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist das Existentielle in der Corona-Krise?<br>Ganz sicherlich zeigt sich das Existentielle im Arbeitsbereich bei drohendem Jobverlust, Einkommensverlusten, gestoppten Ausbildungs-und Pr\u00fcfungssituationen. Zwar genehmigte die Regierung in absoluter Einigkeit unglaubliche finanzielle Zuwendungen und dennoch schien das Angstgef\u00fchl zu bleiben vor einer ungewissen Zukunft.<br>Auch bem\u00fchte sich die Regierung in seltener Transparenz, die Bev\u00f6lkerung zum Mit-und Durchhalten zu motivieren. So wurde klar, dass das Gesundheitssystem nicht durch zu viele Neuinfizierte \u00fcberlastet werden d\u00fcrfe, von daher die Kontaktsperren einzuhalten seien. Zugleich zeigte sich mit jeder weiteren Information wie kompliziert das Geschehen ist, da offensichtlich alles mit allem in unserer Wirtschaft verbunden ist. Nicht eine wissenschaftliche Disziplin \u2013 die Medizin- konnte Antwort geben, sondern \u00d6kologen, Soziologen, Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler u.s.w. mussten ihren Sachverstand mit einbringen und nicht zuletzt die ITfachleute.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/02.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-169\" width=\"348\" height=\"554\" srcset=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/02.jpg 608w, https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/02-188x300.jpg 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 348px) 100vw, 348px\" \/><figcaption>\u201esocial distancing\u201c<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr den Wirtschaftsfachmann eine zwingende Ma\u00dfnahme war, verbot sich aus ethischer Sicht. Was ein Segen der digitalen M\u00f6glichkeit war, stellte sich in der Praxis f\u00fcr die alleinerziehende Mutter im Homeoffice als Katastrophe heraus. War die Kontaktsperre, das Besuchsverbot in Alters-und Pflegeheimen f\u00fcr die Hochrisikogruppe aus Sicht des Virologen notwendiger Schutz, stellten Psychologen bald fest, dass diese Menschen nun auch noch unter Depressionen litten.<br>Je l\u00e4nger der shutdown w\u00e4hrte, desto deutlicher wurden die negativen Auswirkungen, und das Dilemma f\u00fcr die Verantwortlichen immer sch\u00e4rfer.<br>Verschw\u00f6rungstheorien, die sich dank der digitalen Medien ungebremst vermehrten, wuchsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um Gewinn zu maximieren, wird Vieles \u201eausgesorct\u201c. Was sich bitter zeigte z.B. bei medizinischem Ger\u00e4t und solch Kleinigkeiten wie Mund\/Nasenmasken, die normalerweise wenige Cent kosten, nun pl\u00f6tzlich noch nicht einmal auf dem Schwarzmarkt zu ergattern waren und selbst legal mehrere zweistellige \u20ac Betr\u00e4ge pro St\u00fcck kosten. Die sch\u00f6ne globale Welt zeigt, wie verletzlich wir sind in unserer Abh\u00e4ngigkeit.<br>Die widersinnigen Appelle an die Bev\u00f6lkerung blieben prompt nicht ohne Folgen: alle m\u00fcssen Maskentragen \u2013 doch es gibt keine! Zuwiderhandeln wird bestraft.<br>Die Zustimmung mit der Regierung br\u00f6ckelt. Der Ruf nach klarer Ansage immer lauter; die Forderungen nach Lockerung un\u00fcberh\u00f6rbar.<br>Waren die Politiker zu Beginn der Pandemie einig und zu raschem Handeln f\u00e4hig, zeigt nun das Bed\u00fcrfnis einiger, sich als Krisenmanager zu profilieren ( es stehen Wahlen an!). Ein Wettstreit zwischen den einzelnen Landesf\u00fcrsten ist entbrannt. Unbestritten ist, dass die Ausbreitung des Virus in den 16 Bundesl\u00e4ndern, allein schon wegen ihrer unterschiedlichen Bev\u00f6lkerungsdichte variiert.<br>Nun wurden von der Bundesregierung klare Kriterien vorgegeben, nach denen sich die einzelnen L\u00e4nder eigenverantwortlich richten m\u00fcssen.<br>Tr\u00e4gt das zur Beruhigung und somit zum Durchhalten der Beschr\u00e4nkungen bei? Zumindest scheint eine Handlungssicherheit wieder installiert.<br>Doch was ist das f\u00fcr eine \u201eSicherheit\u201c? Das Virus ist in seinen Wirkungen immer noch nicht endg\u00fcltig bekannt. Alle Ma\u00dfnahmen beruhen auf kaum validen Studien. Impfstoffe und Medikamente sind weltweit in seltener Einigkeit! in Erprobung. Klinische Studien dauern lange, wenn sie solide sein sollen.<br>Es wird viel kommuniziert, aber falls verantwortlich, muss alles mit dem Zusatz \u201evermutlich\u201c, \u201ezur Zeit\u201c, \u201ebis her\u201c versehen werden, was letztlich zwar wissenschaftliches Denken widerspiegelt, doch nicht sehr \u201elebbar\u201c ist. Wie lebt man \u201evorl\u00e4ufig?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Handelnden, die Politiker stecken nach wie vor im Dilemma. Es gibt nicht die Sicherheit. Es hilft nur die permanente \u00dcberpr\u00fcfung, die Anpassung an die neuen Erkenntnisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Sokrates m\u00fcssen wir sagen: \u201eIch wei\u00df, dass ich nicht wei\u00df.\u201c Aber wer kann das aushalten?<\/p>\n\n\n\n<p>Was macht das Existentielle aus? Mir scheint, dass sich scheidet: was ist Dekor, was ist existentiell, unverzichtbar?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie zeigte sich meine existentielle Krise?<br>Nach und nach merkte ich, dass auf einem Bein an zwei Kr\u00fccken sich fortbewegen, das Gipsbein angezogen, damit es nicht den Boden ber\u00fchrt, nicht nur m\u00fchsam ist, sondern vieles Gewohnte verunm\u00f6glicht. Eine Tasse von der K\u00fcche ins Atelier tragen, ging nicht. Ein Buch kann man in einem Beutel, der um den Hals h\u00e4ngt, transportieren auch das Handy. Doch dann h\u00f6rt es schon auf. Blumen gie\u00dfen, geht nicht. Das Zimmer l\u00fcften, auch nicht.<br>Was ist existentiell- was Dekor? Das kristallisierte sich nach wenigen Tagen heraus. Etwas zu essen machen-ja, Blumengie\u00dfen- nein.<br>Und womit besch\u00e4ftige ich mich sonst noch? In den ersten Wochen habe ich gelesen, voller Freude, dazu nun so viel Zeit zu haben. Doch dann kam der Punkt, an dem ich nicht mehr nur rezipieren wollte, sondern wieder aktiv etwas gestalten. Mein Arbeiten mit Farben, Ton und Wachs ging nicht mehr, weil ich weder stehen, noch sitzen konnte. Die Beine mussten waagerecht liegen oder sogar erh\u00f6ht.<br>Als mir das klar wurde, fiel ich in das dunkle Loch der Verzweiflung, zumal keine Aussicht auf Besserung in Sicht war. Im Gegenteil, durch die \u00dcberanstrengung der H\u00e4nde bei der Fortbewegung mein Gewicht auf den Kr\u00fccken zu tragen, hatte sich das Daumengrundgelenk \u2013 vor allem rechts als Rechtsh\u00e4nder- wieder entz\u00fcndet. Angst kroch in mir hoch. Kreiste bisher mein Denken um mein t\u00e4gliches (\u00dcber)leben, qu\u00e4lten mich nun, je l\u00e4nger der Zustand andauerte, Fragen nach meiner Zukunft. Nicht mehr arbeiten k\u00f6nnen wie bisher? Nicht mehr wandern? Nicht mehr reisen? Falls ich es wieder die Treppe hinunter schaffen k\u00f6nnte, dann h\u00f6chstens f\u00fcr kurze Zeit etwas gehen in Bergstiefeln. High Heels, luftige Sommersandalen f\u00fcr immer pass\u00e9? War das der Anfang vom Alter? Von meinem Alter: Abh\u00e4ngigkeit und weitgehende Immobilit\u00e4t?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich musste mir f\u00fcr die Situation des Lockdown und der Immobilit\u00e4t etwas einfallen lassen, womit ich meinen Tag rhythmisieren und gestalten konnte, was meiner Existenz Sinn verlieh, was mir half, Schmerzen und Quarant\u00e4ne auszuhalten.<br>Als mir das Schreiben einfiel, um meinen Gedanken Struktur und meinem Tag Halt zu geben, war das wie eine Erl\u00f6sung. Nur: leider von kurzer Dauer, weil ich mit der Hand wegen der Schmerzen nicht mehr schreiben konnte. Erst als ich einen Laptop bekam, konnte ich mit der Krise leben.<br>Existentiell ist f\u00fcr mich \u2013 so lernte ich \u00fcber mich selbst \u2013 contemplativ und activ zu sein, um mich handelnd und nicht nur ausgeliefert zu erleben.<br>Zwar tr\u00e4ume ich nach wie vor vom Reisen und Wandern, aber, so stellte ich allm\u00e4hlich fest, es ist auch m\u00f6glich in Gedanken zu reisen, wobei mir der Laptop quasi als \u201eFliegender Teppich\u201c dient.<br>Au\u00dferdem hatte ich das Gl\u00fcck, dass Familie, Freunde, Bekannte mich mit Lebensmitteln versorgten und mit Blumen, die zwar vielleicht \u201eDekor\u201c sind, aber f\u00fcr meine Psyche doch unverzichtbar. Noch war ich nicht bereit, auf alle Bed\u00fcrfnisse zu verzichten, die meine Identit\u00e4t ausmachten. Und dazu geh\u00f6ren Blumen, Kunst ,Musik und B\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie zeigt sich die existentielle Krise in der Gesellschaft?<br>Quarant\u00e4ne bedeutet Unterbrechung nicht zuletzt \u00f6konomisch. Sicherlich ist es f\u00fcr diejenigen leichter auszuhalten, die ein Dach \u00fcber dem Kopf haben und einen K\u00fchlschrank und Internet.<br>Keiner muss verhungern, keiner verliert seine Wohnung. Selbst Obdachlose, deren soziale Anlaufstellen ebenfalls geschlossen sind, erfahren Hilfe meist von Freiwilligen.<br>So zeigt sich in der Krise vielerorts Solidarit\u00e4t.<br>Aber wie h\u00e4lt man Abstand und realisiert man Hygieneregeln in Massenunterk\u00fcnften?<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem: wie lebt man \u201eKontaktverbot\u201c? Dauerhaft, auf unbestimmte Zeit?<\/p>\n\n\n\n<p>Sind Sozialkontakte nicht auch von existentieller Bedeutung? Sicherlich kann es hierbei keine allgemein g\u00fcltige Regel f\u00fcr alle Menschen geben. Hier zeigt sich, welche individuellen Bed\u00fcrfnisse Menschen haben.<br>So ist f\u00fcr einen Rentner der Verlust des Jobs nicht existentiell, wohl aber u.U. das Kontaktverbot. Wohingegen manch einer, der sonst von Termin zu Termin hastet, die Pause, durch die nicht permanente Verf\u00fcgbarkeit sogar genie\u00dft. Kinder m\u00f6gen sich in den ersten Wochen vielleicht \u00fcber das Schulfrei gefreut haben, aber monatelang nicht auf einen Spielplatz d\u00fcrfen, die Freunde nicht sehen??? Zudem sind nicht immer Eltern die besseren Lehrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatten vor dem Lockdown Verpflichtungen, Arbeit, Vergn\u00fcgungen, kulturelle und sportliche Aktivit\u00e4ten den Tag rhythmisiert, oft streng getaktet, f\u00e4llt dies nun alles weg in der gro\u00dfen Pause.<br>Auf einmal ist da ganz viel freie Zeit, die vielleicht zun\u00e4chst aufatmend genossen, doch irgendwann auch zum Problem wird, gelingt es nicht, ihr einen Wert zu geben. Wonach man sich immer sehnte, jetzt ist sie im \u00dcberma\u00df vorhanden, droht einen sogar zu erdr\u00fccken und das letzte bisschen Aktivit\u00e4t, \u00fcber die man noch verf\u00fcgen kann unter bleierner Langweile zu begraben. Denn nicht jeder ist ein verkappter Heimwerker, verf\u00fcgt \u00fcber die notwendigen Mittel und findet das entsprechende Gesch\u00e4ft ge\u00f6ffnet. Auch der Bedarf an handgestrickten Schals und Socken ist irgendwann gedeckt.<br>Zudem kann zu gro\u00dfe N\u00e4he in drangvoller Enge auch zu heftigen Konflikten f\u00fchren, vor allem wenn auch noch \u00c4ngste vor der Zukunft qu\u00e4len.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/03.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-173\" width=\"230\" height=\"307\" srcset=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/03.jpg 405w, https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/03-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><figcaption>\u201esocial distancing\u201c<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck verf\u00fcgen die meisten \u00fcber digitale Kommunikationsmittel. Die unendliche Zahl an Witzen rund um Corona lassen uns auch lachen angesichts der immer dr\u00fcckenderen Misere in einer so sehr auf Konsum hin orientierten Lebensweise. Gl\u00fccklich, wer ein witziges Video gestalten kann, selbst wenn er vielleicht materiell nicht besonders abgesichert ist; denn er kann etwas tun, schaffen, was ihm Sinn schenkt.<br>Ihm Sinn gibt, wenn ansonsten Gewohntes nicht mehr geht. Ein Weiter- so, wenn man aus der Schockstarre erwacht und feststellt, mein bisheriges Leben funktioniert so nicht mehr. Ich muss etwas anderes machen.<br>Um herauszufinden, was dieses Andere sein k\u00f6nnte, muss ich zuerst einmal in mich hinein horchen, um mir meiner F\u00e4higkeiten und Bed\u00fcrfnisse bewusst zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, jeder, der etwas machen, hervorbringen kann, ob es eine Kiste bauen ist oder Handschuhe stricken, etwas schreiben oder per Videoschaltung musizieren, wird wahrscheinlich psychisch besser durch diesen Lockdown kommen, weil er etwas gefunden hat, das ihm Sinn gibt, mit der er die leere Zeit zu f\u00fcllen wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Weiter-so w\u00fcrde die ver\u00e4nderten Bedingungen negieren und verdr\u00e4ngen oder in Passivit\u00e4t verharren, abwarten und hoffen, dass \u201edanach\u201c alles wieder so sein w\u00fcrde wie vorher.<br>Doch wenn es sich um eine existentielle Krise handelt \u2013 wie diese Pandemie- ist dies ein aussichtsloses Unterfangen.<br>Irritiertes, verunsichertes Lebensgef\u00fchl, gest\u00f6rte, zerst\u00f6rte Wirtschaftskreisl\u00e4ufe, euphorische Hilfsbereitschaft, zerbrochene Freundschaften, verlorene Gewissheiten, nichts ist mehr wie es zuvor war.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem wie sagte schon Einstein:\u201cwir k\u00f6nnen Probleme nicht mit den Mitteln l\u00f6sen, die sie verursacht haben.\u201c<br>Es zwingt zum ver\u00e4nderten Denken und zur Neujustierung des Handelns.<br>Dann kann in der Krise auch eine Chance stecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, dass ich den Ernst einer Pandemie in seiner existentiellen Auswirkung sehr fr\u00fch sehr ernst genommen habe. Vielleicht weil ich gerade selbst eine existentielle Krise durchmachte. Ich hatte gelernt, wenn es nicht gelingt, sein Verhalten zu \u00e4ndern, man nicht unbeschadet da heraus kommt. Die Verhaltens\u00e4nderung bezieht sich meist vor allem auf die Zielanalyse und in Konsequenz auf andere Wege, dieses modifiziertes Ziel und\/oder seine Wege\/Mittel zur Erreichung.<\/p>\n\n\n\n<p>Da es in einer solchen Neuorientierung keine Sicherheit vorab gibt, verst\u00e4rkt sie zun\u00e4chst noch einerseits die Angst und andererseits die Skrupellosigkeit, zumal wir einen Teil unserer demokratischen Gesetze zeitweilig au\u00dfer Kraft gesetzt haben.<br>Und dennoch hoffe ich, dass es gelingt durch diese Ersch\u00fctterung alter Gewissheiten, den Weg f\u00fcr neues Handeln zu \u00f6ffnen. Z.B darf es das einfach nicht geben, die Wirtschaft hoch fahren, um m\u00f6glichst schnell wieder Gewinne zu machen ohne die \u00fcberf\u00e4lligen Ver\u00e4nderungen f\u00fcr den Klimaschutz zwingend zu implementieren,.<br>Haben wir uns nicht alle \u00fcber die bessere Luft, den geringeren L\u00e4rm gefreut und festgestellt, dass so manche weltweite Konferenz auch per Videoschaltung geht? (=Zeit und Ressourcenersparnis.)<\/p>\n\n\n\n<p>Alle systemrelevanten Wissenschaften m\u00fcssen einbezogen werden, um eine L\u00f6sung zu entwickeln: zur Bew\u00e4ltigung der Coronakrise und zugleich \u00f6kologische Erfordernisse mitber\u00fccksichtigen. Denn auch dies h\u00e4ngt miteinander zusammen: die Wahrscheinlichkeit, dass ein Virus, das von Wildtieren auf den Menschen \u00fcberspringt, wird in einer zerst\u00f6rten Umwelt immer h\u00e4ufiger geschehen, und es wird mutieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine existentielle Krise zwingt zum Innehalten und \u00f6ffnet somit die Chance zum Nachdenken.<br>Darin scheint mir die Parallele zwischen individueller und gesellschaftlicher Krise zu stecken. Dieses Nachdenken ist mit tiefer Verunsicherung verbunden und Angst vor einer ungewissen<br>Zukunft. Jedoch sollten wir uns Neuem stellen, ja im Sinne unserer Entwicklung sogar fordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich halte dies f\u00fcr einen tr\u00f6stlichen Gedanken, der die Kraft zum Durchhalten und schlie\u00dflich zur \u00dcberwindung in sich birgt. Wir k\u00f6nnen neue Facetten an uns entdecken. Vielleicht erfahren wir, dass Reduktion sogar einen Gewinn bedeuten kann. Denn wir sind auch in der gebotenen Entschleunigung nicht zur Passivit\u00e4t verurteilt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Quarant\u00e4ne habe ich schon 3 Monate l\u00e4nger ge\u00fcbt, denn eine heftige Verletzung meines rechten Sprunggelenkes nagelte mich in meiner Wohnung im 3. Stock fest. 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