{"id":183,"date":"2021-06-04T15:38:06","date_gmt":"2021-06-04T13:38:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/?p=183"},"modified":"2021-06-16T11:34:02","modified_gmt":"2021-06-16T09:34:02","slug":"auf-einer-einsamen-huette-in-den-tuxer-alpen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/2021\/06\/04\/auf-einer-einsamen-huette-in-den-tuxer-alpen\/","title":{"rendered":"Auf einer einsamen H\u00fctte in den Tuxer Alpen"},"content":{"rendered":"\n<p>2011 reiste Ina allein auf eine einsame H\u00fctte in den Tuxer Alpen. Lange hatte sie im Internet gesucht, ob die H\u00fctte auch wirklich einsam lag, weil sie allein sein wollte, um nachzudenken.<br>Der Tod ihres Mannes hatte sie in eine existentielle Krise gest\u00fcrzt. Sie musste sich neu erfinden. So nannte sie es. Es schien ihr, dass sie nur durch die totale Reduktion erfahren w\u00fcrde, was sie wirklich im Leben brauchte \u2013 zum \u00dcberleben, um vielleicht auch irgendwann einmal wieder zu leben.<br>Die Abgeschiedenheit w\u00fcrde helfen, das Wesentliche zu entdecken, hoffte sie. Letztlich ging es darum, herauszufinden, wie es um ihre Resilienz bestellt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Geschichte \u00fcber die Begegnung mit sich selbst schrieb sie im April 2020. Eine erneute Krise, die sie gepackt hatte, war vielleicht der kaum bewusste Ausl\u00f6ser. Neun Monate konnte sie durch einen Unfall verursacht erst gar nicht, sp\u00e4ter kaum gehen und fragte sich, ob dies nun ihre Zukunft sei, fragte sich erneut, wer sie sei, wer sie noch sei oder sein wird.<br>Wieder ging es um Resilienzerfahrung, diesmal zudem eingebettet in die gesellschaftliche Pandemiekrise.<\/p>\n\n\n\n<p>Best\u00e4tigte Resilienz macht stark.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"342\" height=\"458\" src=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/06.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-189\" srcset=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/06.jpg 342w, https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/06-224x300.jpg 224w\" sizes=\"auto, (max-width: 342px) 100vw, 342px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>2011 begann das Abenteuer bereits damit, dass der Vermieter sich weigerte, die H\u00fctte an Ina zu vermieten mit der Begr\u00fcndung, sie \u201esei ja nur eine Frau\u201c und au\u00dferdem allein.<br>Was am Ende sich durchsetzte, ihre Hartn\u00e4ckigkeit oder seine Geldgier, wusste sie nicht zu sagen. Jedenfalls, nachdem ihr FIAT akzeptiert wurde, durfte sie kommen.<br>Das mit dem Auto hatte schon seine Berechtigung wie sie sehr schnell feststellte, denn der Weg hinauf bestand aus ungeheuren Furchen, an denen ein tiefliegender Sportwagen hoffnungslos gescheitert w\u00e4re. Es war auch f\u00fcr ihr Auto grenzwertig, aber sie schafften es.<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00fctte war gro\u00df. Durch einen Flur, an dessen Ende eine Art Vorratskammer in den Berg getrieben worden war, ging es rechts ab in eine Wohnk\u00fcche mit stattlichem Holzofen, daneben ein Sp\u00fclstein aus Granit. Alle M\u00f6bel waren aus Zirbelholz \u2013 wundersch\u00f6n! Von der Wohnk\u00fcche kam man in eine Schlafkammer. Um das Haus herum gelangte man \u00fcber eine Treppe in einen weiteren Schlafraum, unter der Treppe war das Klo und das wichtigste: ein riesiger Holzvorrat zum Heizen und Kochen.<br>Beruhigt konnte Ina sich nun ans Auspacken machen. Doch zuvor wollte sie noch einen Kaffee trinken und dabei ihre neue Umgebung genie\u00dfen. Allerdings \u2013so wurde ihr pl\u00f6tzlich klar- musste sie dann erst Wasser vom Brunnen holen, den Ofen anheizen, um das Wasser zu kochen und einen Filter suchen und au\u00dferdem in ihren Vorr\u00e4ten den Kaffee finden. Sie beschloss diese Herausforderung auf sp\u00e4ter zu verschieben und bei einem Glas Wein die Ankunft auf der ersehnten H\u00fctte zu feiern.<br>Das Weinf\u00e4sschen fand sie sofort im Gep\u00e4ck ebenso ein Glas im Schrank und stellte beides auf den Tisch vor der H\u00fctte. Rasch pfl\u00fcckte sie ein paar Blumen und lie\u00df sich mit einem Seufzer des Wohlbehagens auf der Bank nieder, vor sich auf dem Tisch Wein, ein Hasenbrot und Blumen. Langsam kam sie an, aller L\u00e4rm des gequ\u00e4lten Motors verstummt, Mahnungen und Warnungen l\u00f6sten sich auf, die gespannte Erwartung wich einem unendlich warmem Gl\u00fccksgef\u00fchl. Zwar hatte sie mit raschem Blick bei der Ankunft die bewaldete Felswand vor sich gesehen und rechts eine schroffe Schlucht und hinter sich steile Almh\u00e4nge, aber die \u00fcberw\u00e4ltigende Sch\u00f6nheit \u00fcberhaupt nicht wahrgenommen, zu sehr war sie mit dem Ankommen befasst gewesen.<br>Erst allm\u00e4hlich, je mehr die Ohren frei wurden, h\u00f6rte sie das Pl\u00e4tschern des Brunnens vor sich, das Pfeifen der Murmeltiere und die schrillen Schreie der Raubv\u00f6gel. Sonst: nichts.<br>Stille. Stille, die in den Ohren dr\u00f6hnte.<br>Unten im Tal war es hei\u00df, geradezu schw\u00fcl gewesen, hier auf 2900m streichelte eine erfrischende Brise. Die Luft duftete w\u00fcrzig.<br>Sie schloss die Augen und atmete die Stille, die W\u00e4rme. Alle Anstrengung fiel ab.<br>Als sie die Augen wieder \u00f6ffnete, in die Sonne blinzelte, stand der Wein noch unber\u00fchrt vor ihr und das Hasenbrot ungegessen.<br>Erst jetzt bemerkte sie die Sch\u00f6nheit der schroffen Felsen: ocker-grau-schwarz, siena, umbra, rostrot in atemberaubenden Formen, auf dem Berghang vor ihr standen einig sturmzerzauste Fichten und neben dem Auto bl\u00fchte rosa-violetter Almenrausch.<br>Und pl\u00f6tzlich brach ein jauchzender Jubelschrei aus ihr heraus: Ja!! Wie herrlich! So habe ich es ertr\u00e4umt. Ich bin hier. Ich bin angekommen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"830\" height=\"331\" src=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/10.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-199\" srcset=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/10.jpg 830w, https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/10-300x120.jpg 300w, https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/10-768x306.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 830px) 100vw, 830px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Sie wusste nicht, wie lange sie so sa\u00df und schaute und schaute und staunte und nur gl\u00fccklich war. Jedenfalls \u201eweckte\u201c sie irgendwann ein etwas k\u00fchlerer Wind aus der Verz\u00fcckung. Pl\u00f6tzlich wurde ihr bewusst, dass sie noch einige Hauspflichten hatte: auspacken, einrichten, ach ja, Holz und Wasser holen. Und irgendwann w\u00fcrde es dunkel werden \u2013ohne Elektrizit\u00e4t.<br>Also erst Holz holen, dann auspacken, nein erst Bescheid sagen, dass sie angekommen sei.<br>Ina hatte das Handy mitgenommen f\u00fcr den Fall, dass ihr auf dem Berg etwas passieren sollte und eben um ihre Ankunft mitzuteilen. Weil sie es nicht aufladen konnte, galt es nur f\u00fcr den Notfall. Sie w\u00fcrde sich kurz fassen. Sie war gerade in der K\u00fcche. So rief sie von dort aus an. Nichts. Klar, von drau\u00dfen. Nichts. Etwas weiter weg vom Haus- nichts. Vielleicht mehr im Freien f\u00fcr den Empfang- nichts. Langsam stieg sie die Alm hinter dem Haus hoch, kletterte auf einen kleinen Felsen-nichts! Allm\u00e4hlich fing sie an sich zu wundern: im Jemen hatte sie \u00fcberall Empfang, selbst auf Sokrota, diese den Galapagos Inseln \u00e4hnliche, jemenitische Insel im Indischen Ozean, hier in Europa nicht? Sie wollte es nicht glauben und stieg immer weiter. Obwohl ihr vom st\u00fcrmischen Klettern hei\u00df wurde, sp\u00fcrte sie den k\u00fchleren Wind und entdeckte auf einmal, dass die Wolken dunkler, nicht nachtdunkel, sondern gewitterdunkel geworden waren. Auch merkte sie, dass sie bei ihrem Entschluss, `mal eben Bescheid zu sagen` nat\u00fcrlich nicht die Bergstiefel ausgepackt und angezogen hatte.<br>Auf dem R\u00fcckweg tr\u00f6stete sie sich damit, dass sie gesagt hatte: \u2026\u201ceinsame H\u00fctte, es kann sein, dass\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht der immer st\u00e4rker werdende Sturm st\u00f6rte ihre erste Nacht, sondern der unvorstellbar heftige Regen, der mit Urgewalt auf das Blechdach herunter prasselte. Es sch\u00fcttete so unaufhaltsam, dass sie Albtr\u00e4ume plagten, H\u00fctte und auch Auto w\u00fcrden ins Tal gerissen. Solche Regenmassen hatte sie noch nicht einmal w\u00e4hrend des Monsuns in Indien erlebt. Auch am n\u00e4chsten Morgen rauschte es unbarmherzig weiter. Doch die H\u00fctte hatte Stand gehalten und auch das Auto war nur ein wenig \u201egewandert\u201c trotz der Steine, die sie unter die R\u00e4der geschoben hatte.<br>Auf dem Weg bis in die K\u00fcche war sie v\u00f6llig durchn\u00e4sst. Auch musste sie einen Bach \u00fcberqueren, den sie am Tag zuvor nicht wahrgenommen hatte.<br>An diesem Tag lernte sie das Ofenunget\u00fcm lieben. Es spendete W\u00e4rme. Bald war der Ofen rundum dekoriert mit nassen Kleidungsst\u00fccken. Und sie kochte wie ein Weltmeister nicht nur Kaffee, sondern auch ein Mittagessen.<br>Die Welt drau\u00dfen versank im Wasser. Sie hatte Zeit in der Realit\u00e4t anzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weshalb war sie hier herauf gekommen \u2013 trotz erheblicher Widerst\u00e4nde? Die Sch\u00f6nheit der Natur, die sie gestern so \u00fcberreich empfing \u2013war zum Gl\u00fcck nicht das Hauptmotiv, denn sonst m\u00fcsste sie nun verzweifeln.<br>Sie suchte Konzentration und Reduktion. W\u00fcrde sie das aushalten mit Nahrungsmitteln f\u00fcr 14 Tage, 4 CD`s, B\u00fcchern, Schreib-und Zeichenmaterialien? Ohne die vertrauten Bequemlichkeiten von Wasser, Heizung, Strom? Ohne Sozialkontakte?<\/p>\n\n\n\n<p>(Irgendwann einmal tauchte der Vermieter auf, um zu schauen, ob sie nicht unter einem H\u00fcttenkoller litt. Als Gastgeberin spendierte sie ihren letzten Tee zu seinen Pl\u00e4tzchen. Am n\u00e4chsten Tag war sie eingeschneit.)<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt aber machte sie es sich gem\u00fctlich, arrangierte ihre Stifte und B\u00fccher und fing bei Petroleumlicht an zu schreiben. Schreiben strukturiert, bewahrt die Gedanken davor sich zu verfransen, half ihr, sich zu konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/07-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-192\" width=\"830\" height=\"621\" srcset=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/07-2.jpg 830w, https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/07-2-300x224.jpg 300w, https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/07-2-768x575.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 830px) 100vw, 830px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Irgendwann im Laufe des Tages lie\u00df der Regen etwas nach. In der Nacht wiegte sie das gleichm\u00e4\u00dfige Rauschen in den Schlaf.<br>Am n\u00e4chsten Morgen wurde sie von einer strahlend reinen Bergwelt begr\u00fc\u00dft. Die schroffen Felsgipfel strahlten wei\u00df: es hatte geschneit! Welch ein Zauber!<\/p>\n\n\n\n<p>Ina begann die Umgebung zu erkunden, packte etwas zu Essen und zu Trinken in den Rucksack, die Zeichensachen und die Kameras.<br>Als sie einmal von einer l\u00e4ngeren Wanderung abends die H\u00fctte anstrebte, entdeckte sie von der H\u00f6he aus, dass eine gro\u00dfe Kuhherde sich auf dem Weg versammelte hatte und sich nicht bewegte wie sie beim N\u00e4herkommen feststellte. Die K\u00fche standen dicht gedr\u00e4ngt. Sie nahmen den gesamten Weg ein. Es gab kein Vorbeikommen, rechts fiel der Weg steil ab, links ging es eine Steilwand hoch. Warum standen die denn blo\u00df nur so wie angewurzelt?<br>Sie war m\u00fcde und hungrig, freute sich auf zuhause. Au\u00dferdem wurde es dunkel.<br>Umkehren und einen anderen Weg suchen, h\u00e4tte sie mindestens zwei Stunden gekostet. Sie \u00fcberlegte, was h\u00e4tte ein Senn gemacht? Wie trieb der seine K\u00fche an?<br>Schlie\u00dflich fasste sie sich ein Herz und ihren Wanderstock fester und begann sich zwischen die Leiber der riesigen Tiere zu dr\u00e4ngen. Dabei sprach sie beruhigend auf sie ein, \u201emach doch Platz, Lisa, du auch Rita und du, Susi\u201c. Dabei versuchte sie auch noch den gewaltigen, gr\u00fcnen Platschern auszuweichen. Endlich kam sie schwei\u00dfgebadet bei den vordersten K\u00fchen an und entdeckte den Grund, warum die nicht weitergingen: einen Elektrozaun, der zudem \u00fcber einen Bach gespannt war. Der hinderte sie. Perfekt, grummelte Ina. Hier gibt es Strom und in meiner H\u00fctte nicht! Und dann noch durch Wasser!<br>Es half nichts. Sie musste unter einer Kuh durchkriechen und \u00fcber den Zaun klettern, um nachhause zu gelangen.<br>Ihr fiel pl\u00f6tzlich ein, dass der Vermieter sie auch gefragt hatte, ob sie Angst vor K\u00fchen h\u00e4tte. Nein! Warum? Das wurde ihr nun klar. Ihr fiel aber auch eine Geschichte aus ihrer Kindheit ein, vielleicht pr\u00e4gend.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"830\" height=\"625\" src=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/08.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-194\" srcset=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/08.jpg 830w, https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/08-300x226.jpg 300w, https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/08-768x578.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 830px) 100vw, 830px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><br>In den Sommerferien durfte sie als Stadtkind Lisa weiden. Lisa hatte wundersch\u00f6ne, riesige, sanfte, braune Augen. Leider klebten in ihnen stets Fliegen, die Ina geduldig immer wieder entfernte. Einmal schritt Lisa einfach weiter und trat dabei auf Inas Fu\u00df. Es tat h\u00f6llisch weh, aber Ina konnte ihr nicht b\u00f6se sein, denn es geschah aus Versehen; Ina war so klein, dass sie fast unter der Kuh verschwand.<br>Nein, Angst vor K\u00fchen hatte Ina nicht.<br>Kurz darauf kehrte sie erleichtert in ihre H\u00fctte ein und war schon wieder stolz auf sich, weil sie es geschafft hatte, den Ofen \u00fcber Stunden in Gang zu halten. Jetzt brauchte sie viel, sehr viel hei\u00dfes Wasser, um sich von ihrem innigen Kuhkontakt zu befreien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das also war mit der Frage gemeint, ob sie Angst vor K\u00fchen h\u00e4tte, res\u00fcmierte sie. Auch die Funktion des lockeren Lattenzauns um das Gel\u00e4nde kl\u00e4rte sich \u2013 endg\u00fcltig ,als Ina die K\u00fche beobachtete wie sie sich verrenkten, um Gras zu rupfen, was ja auf ihrem Gel\u00e4nde viel schmackhafter war als jenseits des Zauns. Die Blumen auf ihrem Tisch w\u00fcrden den K\u00fchen wahrscheinlich noch besser munden, \u00fcberlegte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab etliche, meist Kleinigkeiten, deren Sinn sich ihr erst allm\u00e4hlich erschloss je l\u00e4nger sie in dieser Umgebung lebte und schlie\u00dflich nicht nur Anteil nahm, sondern ein Teil wurde.<br>Innerlich leistete sie dem b\u00e4rbei\u00dfigen Vermieter Abbitte. &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Morgens weckte sie eine seltsame Stille. Dicker Nebel h\u00fcllte die Welt ein, schluckte s\u00e4mtliche Laute. Der Nebel war so undurchdringlich, dass sie sich am Treppengel\u00e4nder festklammerte und am Haus entlang tastete bis zur Haust\u00fcr. Weder Bank, Tisch, noch den Brunnen konnte sie sehen. Unheimlich auch die absolute Stille, die anders war als sie sonst Stille liebte.<br>Nur gut, dass sie es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, Holz und Wasser in gen\u00fcgender Menge bereits am Abend herein zu holen. Auch Streichh\u00f6lzer, Petroleumlampe und Taschenlampe fand sie selbst in absoluter Dunkelheit.<br>So zelebrierte sie gelassen erst einmal ihr Fr\u00fchst\u00fcck, legte 1-2 Patiencen bis sie sp\u00fcrte, etwas mit diesem Nebel war anders als sonst. Denn eigentlich mochte sie Nebel, wenn sie nicht gerade termingebunden auf der Autobahn feststecke.<br>Dieser Nebel war total und verst\u00e4rkte, ja, l\u00f6ste \u00fcberhaupt erst das Gef\u00fchl von Einsamkeit aus. Eine tiefe Melancholie erfasste sie.<br>Ihr wurde der wahre Grund, weshalb sie sich hier auf die H\u00fctte zur\u00fcck gezogen hatte, bewusst. Sicher, es ging auch darum, sich zu erproben wie sie mit Reduktion und auch Konzentration w\u00fcrde umgehen k\u00f6nnen, der Suche nach dem Wesentlichen. Die Frage nach der Resilienz stand im Raum. Doch dar\u00fcber hinaus ging es um Trauerarbeit, das Sich neu erfinden nach dem Tod ihres Mannes.<br>Auf einmal kam ihr H.Hesses`s Gedicht vom Nebel in den Sinn:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50px\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:300px\">\n<p><em>Seltsam im Nebel zu wandern!<br>Einsam ist jeder Busch und Stein.<br>Kein Baum sieht den andern,<br>Jeder ist allein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Voll von Freunden war mir die Welt,<br>Als noch mein Leben licht wahr,<br>Nun da der Nebel f\u00e4llt,<br>Ist keiner mehr sichtbar.<\/em><br><br><em>Wahrlich, keiner ist weise,<br>der nicht das Dunkel kennt,<br>Das unentrinnbar und leise<br>Von allen dich trennt.<\/em><br><br><em>Seltsam, im Nebel zu wandern!<br>Leben ist Einsamsein.<br>Kein Mensch kennt den andern,<br>Jeder ist allein.<\/em><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:400px\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/09.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-196\" width=\"400\" height=\"535\" srcset=\"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/09.jpg 400w, https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/09-224x300.jpg 224w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Sie war allein, aber nicht einsam. Sie hatte ihre Musik. Sie lauschte Schubert`s Impromptus. Wie so oft fing die Musik sie auf. Sie f\u00fchlte sich verstanden und geborgen und insofern \u201ebeheimatet\u201c. Anders noch als Bildende Kunst oder Literatur nimmt Musik die Gef\u00fchlsschwingungen unmittelbar auf und \u201ebeantwortet\u201c sie. Es entsteht ein Dialog, in der Allein-sein \u201eaufgehoben\u201c ist.<br>Irgendwann h\u00f6rte sie ihre 2.CD, Mozart, Klavierkonzert A-Dur.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter wurde es ernst: sie z\u00e4hlte ihre Vorr\u00e4te und daraufhin die Tage. Voller Schreck wurde ihr bewusst, sie musste sich auf Abschied nehmen vorbereiten. Zun\u00e4chst wurde sie kreativ, kombinierte, erfand, suchte Kr\u00e4uter, um den permanenten Salzgeschmack der B\u00fcchsenkost zu variieren. Aber es half nichts, der Blick in den Kalender machte deutlich, sie musste ans Packen denken.<br>Und dann war sie zum zweiten Mal eingeschneit. Probehalber bahnte sie sich den Weg bis zu einer entscheidenden Kreuzung in der Hoffnung die am n\u00e4chsten Tag wieder zu finden.<br>Auf der Hinfahrt hatte sie kaum Zeit, sich den Weg einzupr\u00e4gen, weil sie ihre gesamten Fahrk\u00fcnste brauchte, um dem Vermieter, der sie lotste, zu folgen. Mehr als deutlich hatte er sie sp\u00fcren lassen, wie wenig er ihr zutraute und nun dem Flachlandtiroler zeigte wie man in den Bergen f\u00e4hrt. Oft konnte Ina nur an den Staubfahnen erkennen, in welche Richtung es ging. Manche Kehren waren so eng, dass man zur\u00fccksetzen musste. Immerhin an einer entscheidenden Gabelung hatte er auf sie gewartet. Aber wo war die?!<br>Ihr wurde zunehmend mulmig. Da waren die tiefen Furchen gewesen, jetzt vom Schnee eingeebnet, dazu ihre Sommerreifen\u2026..<\/p>\n\n\n\n<p>In der H\u00fctte bollerte ihr inzwischen hei\u00dfgeliebter Ofen tr\u00f6stend vor sich hin, w\u00e4hrend sie die H\u00fctte wieder \u201eneutralisierte\u201c, ihre Bilder wegr\u00e4umte, B\u00fccher und Zeichensachen verstaute und bei einem letzten Gl\u00e4schen Wein das Abenteuer res\u00fcmierte. Hatte sie ihre Ziele erreicht? Hatte der Drang nach Freiheit ihr Selbstbewusstsein und \u2013sicherheit gebracht? War sie der Reduktion der Mittel gewachsen? Wie stand es um ihre Resilienz?<\/p>\n\n\n\n<p>Ach, die Zeit war viel zu kurz gewesen. Wie gern w\u00e4re sie geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen strahlte die Sonne vom tiefblauen Himmel und tauchte die Welt in strahlendes Wei\u00df. Wie herrlich!<\/p>\n\n\n\n<p>Mit jedem Kilometer, den Ina durch die Zauberwelt vorsichtig hinunterfuhr, wurde sie zuversichtlicher, dass es gelingen w\u00fcrde, den Weg zu finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2011 reiste Ina allein auf eine einsame H\u00fctte in den Tuxer Alpen. Lange hatte sie im Internet gesucht, ob die H\u00fctte auch wirklich einsam lag, weil sie allein sein wollte, um nachzudenken.Der Tod ihres Mannes hatte sie in eine existentielle Krise gest\u00fcrzt. Sie musste sich neu erfinden. So nannte sie es. 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