{"id":225,"date":"2021-06-08T17:57:00","date_gmt":"2021-06-08T15:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/?p=225"},"modified":"2021-06-16T11:30:37","modified_gmt":"2021-06-16T09:30:37","slug":"das-geht-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/2021\/06\/08\/das-geht-nicht\/","title":{"rendered":"Das geht nicht"},"content":{"rendered":"\n<p>Zur Kunsttherapie geh\u00f6rt auch der Tanz. Als Ina an dies Thema f\u00fcr den kommenden Nachmittag erinnerte und fragte, wer sich darauf vorbereiten wolle, blickte sie in \u00fcberraschte Gesichter. &#8222;Nun, ihre Kultur ist so reich an T\u00e4nzen. Ich denke, wir sollten einige davon ausw\u00e4hlen, um zu pr\u00fcfen, welche geeignet sind, sie in der Therapie mit Kindern einzusetzen. Und ganz sicherlich finden sie mehr Beispiele als ich. Sie kennen doch ihre Musik.&#8220; Ein gedehntes &#8222;Ja, aber&#8230;.&#8220; Gleichzeitig jedoch beobachtete Ina, wie sich einige Fu\u00dfspitzen wippend bewegten. &#8222;Wer bringt Musikbeispiele mit?&#8220; &#8222;Ja, welche denn?&#8220; &#8222;Rock`Roll&#8220;, kicherte Ali. &#8222;Haben sie denn nicht Beispiele?&#8220;, erkundigte sich Seif. &#8222;Klar, habe ich. Doch  glaube ich kaum, dass &#8218;Wiener Walzer&#8216; oder &#8218;Foxtrott&#8216; besonders geeignet sind. Sie h\u00f6ren doch ganz andere Musik&#8220;. Immer noch herrschte ungl\u00e4ubiges Staunen. &#8222;Ich denke Folk-Pop ist besser und der &#8218;tza\u00e0d Temani&#8216; zum Beispiel.&#8220; &#8222;Den kennen sie?&#8220; &#8222;Ja, aber ich habe keine Musikbeispiele. Sie sind die Fachleute.&#8220; Hassan hatte w\u00e4hrend der Diskussion mit seinem Handy hantiert. &#8222;Ich wei\u00df, wir hatten vereinbart, w\u00e4hrend der Arbeit die Dinger auszulassen&#8220;, entschuldigte er sich. &#8222;Ich wusste aber, dass ich Musik, auch Tanzmusik \u00fcberspielt hatte. Meinen sie so etwas?&#8220; Er spielte &#8222;Ghina San-aani&#8220;, das ber\u00fchmte Lied von Sana&#8217;a. Alle summten, sangen mit. &#8222;Ja, so etwas und vor allem Musik, auf die man auch tanzen kann.&#8220; Der Bann schien gebrochen. Einge \u00fcberpr\u00fcften Inas Laptop,  ob die Anschl\u00fcsse passten und versprachen bis zum n\u00e4chsten Tag, verschiedene Musikbeispiele zu sammeln. Einen Verst\u00e4rker wollte Ina besorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Pausen des n\u00e4chsten Vormittags  wurde lebhaft \u00fcber die mitgebrachten Musikbeispiele diskutiert. Die Mittagspause konnte nicht schnell genug zuende gehen. Die Frauen beeilten sich mit dem Essen, um  die M\u00e4nner, die drau\u00dfen a\u00dfen, damit die Frauen ihren Hijab f\u00fcrs Essen l\u00fcften konnten, sogar fr\u00fcher wieder hereinzuholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Technik wurde vorbereitet, man hatte sich auf das erste Musikbeispiel geeinigt und los ging\u00b4s. Das hei\u00dft die Musik lief, aber niemand bewegte sich. Die &#8222;Techniker&#8220; sahen Ina erwartungsvoll an. &#8222;Die Musik ist toll. Aber warum tanzen sie denn nicht? Hier ist doch Platz. In der Pause haben wir extra die Tische zur Seite ger\u00fcckt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, aber das geht nicht&#8220;. &#8222;Warum denn nicht?&#8220;  &#8222;Wir tanzen doch nicht zusammen&#8220;. &#8222;Auch beim Hochzeitstanz nicht.&#8220; &#8222;Und den tza&#8217;ad Temani tanzen die M\u00e4nner allein.&#8220; Allgemeine Ratlosigkeit breitete sich aus. Auch bei Ina. An alle m\u00f6glichen kulturbedingten Schwierigkeiten hatte sie gedacht und ausgerechnet dabei das Tanzen vergessen! Dabei steckten allen im Raum der Rhythmus in den Gliedern, Fu\u00dfspitzen wippten, K\u00f6pfe nickten, H\u00e4nde bewegten sich versch\u00e4mt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kann man nur das befreiende  Gef\u00fchl der k\u00f6rperlichen Bewegung erfahren und ebenso die Ordnung schenkende Struktur der Musik, das Mitrei\u00dfende eines Rhythmus &#8211; all das, was Musik zu einem solch  kostbaren Medium  der Therapie machte, wenn man sich nicht bewegte?<\/p>\n\n\n\n<p>Ina schaute in die entt\u00e4uschten Gesichter. Alle, sie selbst auch, hatten sich auf diesen &#8222;Tanz-Musik-Seminarnachmittag&#8220; gefreut. Und es schien so, als erwarteten sie nun von Ina das Zauberwort, das ihnen zu tanzen erlaubte, anders als sie es  kannten. Schlie\u00dflich steckte das Seminar bisher voller Unerwartetem, \u00dcberraschendem. Und hatte es nicht immer geklappt, wenn sie sich oft nach einem Z\u00f6gern darauf einlie\u00dfen?<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie w\u00e4re es&#8220;, verk\u00fcndete Ina pl\u00f6tzlich, &#8222;wenn wir auf dem Papier tanzten &#8211; mit Farben zur Musik -mit den Pinseln -mit unseren H\u00e4nden?&#8220; Da die Musik w\u00e4hrend der ganzen Zeit weiterlief, bewegte Ina  ihre H\u00e4nde zum Rhythmus. Auf einmal fiel ihr ein, wie sie zuhause in ihrem Atelier zur &#8218;Carmina Burana&#8216; tanzend ein gro\u00dfes 120&#215;360 Bild gemalt hatte. Einige lachten zuerst verlegen, sch\u00fcchtern. Es war ihnen ohnehin stets schwer gefallen, beim  Arbeiten mit k\u00fcnstlerischen Materialien aufzustehen. Vielleicht sollte man besser sagen, sich zu erlauben, aufzustehen und nun auch noch sich zu bewegen. Allerdings, je mehr sie sich trauten , beidh\u00e4ndig mit zwei Pinseln gleichzeitig zu arbeiten und sich dabei von der Musik leiten zu lassen, desto gel\u00f6ster wurden sie. Und nachdem sie in einen &#8222;erl\u00f6senden&#8220; Flow eingetaucht waren, fingen erst einige, dann alle an zu experimentieren, schlie\u00dflich zu mehreren auf einem gro\u00dfen Papier malend zu tanzen, tanzend zu malen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lachend mahnte Ina, auch &#8218;mal eine Pause zu machen und vielleicht den M\u00e4nnern beim tza&#8217;ad Temani, dem faszinierenden jemenitischen Tanz zuzuschauen, den enige bereit waren im Garten zu tanzen, diesem  eigentlich j\u00fcdisch-jemenitischen Tanz aus dem 14. Jahrhundert mit der typischen schwankenden, komplizierten Schrittfolge.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich habe keine Djambia mit&#8220;, wandte Hassan ein. &#8222;Ich auch nicht. Keiner von uns,&#8220; erg\u00e4nzte Seif. <\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber tanzen k\u00f6nntet ihr ja auch ohne diesen Krummdolch&#8220;, schlug Amnah vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Magie des Wandels, dachte Ina. Musik und Farbtanz auf dem Papier haben uns ein St\u00fcck Freiheit geschenkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Kunsttherapie geh\u00f6rt auch der Tanz. Als Ina an dies Thema f\u00fcr den kommenden Nachmittag erinnerte und fragte, wer sich darauf vorbereiten wolle, blickte sie in \u00fcberraschte Gesichter. &#8222;Nun, ihre Kultur ist so reich an T\u00e4nzen. 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