{"id":305,"date":"2021-06-16T11:50:25","date_gmt":"2021-06-16T09:50:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/?p=305"},"modified":"2021-06-16T14:52:40","modified_gmt":"2021-06-16T12:52:40","slug":"zeit-was-ist-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/2021\/06\/16\/zeit-was-ist-zeit\/","title":{"rendered":"Zeit &#8211; Was ist Zeit?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Prolog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn mich keiner danach fragt, wei\u00df ich es. Aber wenn ich es jemanden, der mich fragt, erkl\u00e4ren m\u00f6chte, wei\u00df ich es einfach nicht.\u201c (Augustinus)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte hier nicht den unz\u00e4hligen B\u00fcchern \u00fcber die Zeit noch ein weiteres hinzuf\u00fcgen, sondern etwas von meiner subjektiven, psychologischen Zeiterfahrung berichten. Von der Lebenszeit:<br>Von der sozialen Zeit, der gestalteten Zeit, der gelebten Zeit, der erlebten Zeit, der erinnerten Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben Erinnerungen an die Vergangenheit und Ahnungen von der Zukunft und sind uns individuell bewusst, dass Zeit vergeht. Wir nehmen Zeit durch Ver\u00e4nderung wahr. Und davon m\u00f6chte ich erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist zun\u00e4chst einmal das irritierende Gef\u00fchl, dass die innere Zeitwahrnehmung nicht der \u00e4u\u00dferen entspricht. Damit meine ich nicht nur das Ph\u00e4nomen, dass ein mit Ereignissen voll gepackter Tag als k\u00fcrzer erlebt wird als ein ereignisarmer Tag; z.B. wenn wir wie als Kinder auf Weihnachten warten, uns auf etwas Langersehntes freuen oder er scheint erschreckend kurz, wenn wir etwas Unangenehmes erwarten wie z.B. eine Pr\u00fcfung. Und dennoch handelt es sich jedes Mal um objektiv gleiche Zeitmenge.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lebenszeit<\/strong><br>Als Kind habe ich die vergehende Zeit h\u00f6chstens insofern wahrgenommen, dass sie zwischen meinem Jetzt und den W\u00fcnschen und Erwartungen einen Abstand legte, den ich je nach dem ungeduldig oder nerv\u00f6s \u00fcberwinden musste, Ereignisse herbei sehnte oder f\u00fcrchtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00fcrbarer war Zeit im Sinne von Ver\u00e4nderungen und Entwicklungen wie Schulzeit, Studium und Beruf; schlie\u00dflich auch Pensionierung.<br>Es kam mir vor wie H\u00e4utungen. Meine Einstellungen und Vorlieben, meine Verhaltensweisen ver\u00e4nderten sich. Mit den ver\u00e4nderten Interessen gingen auch andere Freundschaften einher und schlie\u00dflich neue Bed\u00fcrfnisse.<br>Gab es als kleines Kind auf einmal das Gef\u00fchl von ICH, so entstand nun allm\u00e4hlich eine Identit\u00e4t im Wechsel von Reflexion und Umwelt. Der Eigenanteil wurde immer gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Soziale Zeit<\/strong><br>\u201eSozial sein\u201c definiert sich immer in Beziehung zu anderen. \u00dcber diese Beziehung bewertet sich der Mensch und wird selbst bewertet, als angenehm, unterhaltsam, anspruchsvoll, uninteressant, attraktiv, langweilig und so weiter. Das Selbst entwickelt sich in diesen Spiegelungen. So erf\u00e4hrt es bereits ein kleines Kind, sobald sich ein gemeinsames Spielen entwickelt. Dies setzt sich fort w\u00e4hrend der Schul-, Ausbildungs- und Berufszeit. Weitere Aspekte als das Fairplay und die Geschicklichkeit kommen hinzu. Auch das Aussehen, Kleidung, Herkunft spielen bereits in der Grundschule eine gro\u00dfe Rolle. Allm\u00e4hlich nimmt die Leistungsf\u00e4higkeit einen gr\u00f6\u00dferen Teil ein.<br>Schon sehr fr\u00fch jedoch werden Spiel- und Schulkameraden aus- und abgesondert. Bei allem gemeinsamen Tun, gibt es auch ein Alleinsein, sogar ein Einsamsein. Der Einsame erlebt nicht das unterschwellige Verbundensein mit anderen. Er leidet darunter, wenn er sich abgewertet und ausgesto\u00dfen f\u00fchlt. Es kann ein verh\u00e4ngnisvoller circulus vitiosus entstehen, vor allem dann, wenn das Selbstwertgef\u00fchl nicht gefestigt ist, wenn der Vergleich mit anderen f\u00fcr das eigene Selbst immer negativ ausf\u00e4llt. Selbstzweifel k\u00f6nnen Resignation, R\u00fcckzug oder auch Aggression ausl\u00f6sen, was wiederum Sozialkontakte erschwert.<br>Diese Zeit der Entfaltung einer sozialen Pers\u00f6nlichkeit ist zugleich die Zeit in der dauerhafte Beziehungen aufgebaut werden. Freunde und erste Partnerschaften entstehen. Je mehr man sich traut, anderen zu vertrauen, desto gr\u00f6\u00dfer auch das Risiko, verletzt zu werden. Und wieder kann ein circulus vitiosus sich bilden, diesmal mit einer positiven Erfahrung: Vertrauen schenken, kann belohnt werden durch bereichernde Erlebnisse.<br>Das Zeiterleben als vergehend steht nicht im Vordergrund der Wahrnehmung; es wird eher als ein Experimentierfeld erfahren. Selbst Entt\u00e4uschungen \u201evergehen\u201c meist, hinterlassen jedoch Spuren der Erfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gestaltete Zeit<\/strong><br>Erst allm\u00e4hlich wird Zeit als ein Gut erfahren, das es zu gestalten gilt. Zwar ist die Zeit \u00e1 priori zugleich mit dem Menschen in der Welt. Aber es scheint so, als w\u00fcrden wir uns dessen erst im Laufe unseres Lebens bewusst, n\u00e4mlich als etwas, was vergeht und indem es vergeht, Spuren hinterl\u00e4sst.<br>Auf einmal entsteht die Frage: was habe ich in der (vergangenen) Zeit gemacht? Habe ich sie so genutzt, um das zu machen, was ich wollte oder auch musste?<br>Das Pendel zwischen vergeudeter, verlorenen Zeit, dem Zeitstress und der Freizeit, der Zeitvergessenheit schl\u00e4gt wild hin und her.<br>Wir fangen an, knauserig mit unserer Zeit umzugehen. Dass sie vergehen kann, tritt scharf ins Bewusstsein. Wir erleben uns nicht nur definiert durch unser Zeiterleben, sondern auch getrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einmal taucht ein Zusammenhang zwischen unserer Existenz und der Zeit auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere verschiedenen Aktivit\u00e4ten, unsere unterschiedlichen Sozialbez\u00fcge versuchen wir in ein Zeitraster zu pressen, um alles schaffen zu k\u00f6nnen. Pl\u00f6tzlich merken wir voller Entsetzen, dass nicht wir unsere Zeit gestalten, sondern wir uns von einem fremden Diktat herum scheuchen lassen. Wenn wir nicht aufpassen, geben wir unsere Selbstbestimmung auf und lassen uns von Zw\u00e4ngen dirigieren. Nicht die Zeit, der Zeitdruck sind schuld, wir sind es selbst. Wir verhalten uns wie Marionetten. Wir \u00fcberlassen die Entscheidung, was wichtig ist anderen oder dem Zufall, den \u201eGegebenheiten\u201c. Unser Bewusstsein haben wir eingeschl\u00e4fert.<br>Mit jeder bewussten Entscheidung erhalten wir jedoch Zeit zur\u00fcck und k\u00f6nnen sie auch dann wieder wahrnehmen. Zeit ist die Organisationsform unseres inneren Sinnes.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erlebte Zeit<\/strong><br>Erlebte Zeit ist zun\u00e4chst einmal erinnerte Zeit. Ereignisse sind in unserem Ged\u00e4chtnis verankert.<br>Manchmal scheint es, als w\u00fcrden wir besonders nachhaltig schlimme Situationen wie Leid und Not erinnern und die begl\u00fcckenden weniger. Aber stimmt das? Nehmen wir das Sch\u00f6ne in unserem Leben einfach als das Gegebene, Selbstverst\u00e4ndliche hin?<\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re wirklich traurig, eigentlich sogar schlimm, denn es ist das Begl\u00fcckende, was unser Leben bereichert und sinnvoll macht. Sich daran zu erinnern, bef\u00e4higt, sich den Anforderungen zu stellen, stabilisiert das Selbstwertgef\u00fchl. Es sind die Inseln, die Oasen, die aus dem grauen Einerlei des Lebenslaufes herausragen und nur sichtbar werden, wenn das Scheinwerferlicht des Bewusstseins sie auch heraushebt.<br>Doch auch die Zeiten der Not sind ebenfalls Zeiten, die Spuren in unserem Bewusstsein und an unserer Identit\u00e4t hinterlassen. Sie zu verdr\u00e4ngen w\u00fcrde bedeuten, dass wir Teile unseres erlebten Lebens verleugneten, sie ungeschehen machen wollten, so als w\u00fcrden wir einen Teil unseres Selbst abschneiden.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Erfahrung h\u00e4ngt das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck oft mit dem tiefsten Leid zusammen.<br>Ich habe eine Partnerschaft erlebt von unglaublicher Leidenschaft und Vertrauen und Intensit\u00e4t. Unterschiedlichkeit erlebten wir als Bereicherung und Geschenk; die Entwicklung des anderen als Begl\u00fcckung, nicht als Gefahr. Wir machten uns gegenseitig stark. Fantasie und Kreativit\u00e4t verhinderten, dass wir unser Gl\u00fcck als Alltag, als selbstverst\u00e4ndlich genommen haben.<br>Die Zeit unseres Zusammenseins gestalteten wir trotz aller Verr\u00fccktheit sehr bewusst. Sie befl\u00fcgelte uns beide und strahlte auch auf unseren Beruf aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann brach Krankheit \u00fcber uns herein, so schlimm, dass auch der Alterungsprozess sich erschreckend versch\u00e4rfte. Zwar gelang es uns, \u00fcber lange Zeit die Liebe zu halten, doch dann zerst\u00f6rte der Tod unser Zusammensein.<br>Er l\u00f6schte auch mich \u00fcber ein Jahr lang aus.<br>Ich f\u00fchlte mich wie der Kugelmensch, von dem Plato berichtete, dass Zeus ihn geteilt habe, damit er nicht zu stark w\u00fcrde. Wir waren stark gewesen. Doch nun war ich nur noch eine H\u00e4lfte. Ich war nicht mehr ich. Ich hatte mich nie \u00fcber meinen Mann definiert, und dennoch schien es, als w\u00e4re meine Identit\u00e4t zerborsten. Nein, es war wirklich so.<br>Wer war ich? Wer bin ich jetzt? W\u00e4hrend der langen Krankheit hatte diese qualvolle Situation Spuren in uns gegraben. Doch im Kern waren wir die Gemeinsamkeit geblieben, die darum k\u00e4mpfte zu leben. Dieses Ziel gab es nicht mehr. Warum aufstehen, essen, sich bewegen?<br>Ich brauchte sehr, sehr lange, um wieder einen Sinn zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und hatte nicht unsere Liebe mich stark gemacht?<br>In einer existentiellen Krise kann auch eine Chance stecken, wenn es gelingt, die Puzzelteile, die durch die Ersch\u00fctterung auseinandergefallen sind, wieder neu zu ordnen. Manche Teile werden nicht mehr gebraucht, einige fehlen, andere m\u00fcssen sich entwickeln, um wieder ein Ganzes, ein neues Ganzes zu bilden.<br>Und wieder findet eine H\u00e4utung statt, der Kern, die Grundstruktur bleibt, wenn auch die Identit\u00e4t sich wieder etwas anders formt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ver\u00e4ndern uns und nehmen so die Zeit wahr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gelebte Zeit<\/strong><br>W\u00e4hrend in der Kindheit, Jugend und im fr\u00fchen Erwachsenenalter die Zeit \u201eim Rausch\u201c zu verfliegen scheint \u2013 es passiert ja so viel!- ver\u00e4ndert sich das Zeiterleben mit zunehmendem Alter. Unterschwellig ahnt man, dass Zeit irgendwie eine h\u00f6chst endliche Ressource darstellt. Und man beginnt, zun\u00e4chst z\u00f6gerlich, mehr auf die Zeit zu achten, sie bewusster wahrzunehmen und Pl\u00e4ne zu entwickeln, sie zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGelebte Zeit\u201c ist die bewusst gelebte Zeit. Wenn wir uns erinnern, geschieht dies stets wie ein Blitz der Bewusstheit. Wir erinnern, was f\u00fcr uns von besonderer Bedeutung war. Das sind durchaus nicht immer die gro\u00dfen Ereignisse wie Liebe, Tod, Entbehrungen, Reisen, Erfolge. Manchmal sind es sogar die scheinbar unspektakul\u00e4ren wie eine Melodie, eine Atmosph\u00e4re, ein Gef\u00fchl der \u201eTraumverlorenheit\u201c, wo wir ganz bei uns selbst waren, das uns ein unendliches Gl\u00fccksgef\u00fchl bescherte. Der \u201eflow\u201c, in dem Raum und Zeit aufgehoben sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Alter gewinnt der qualitative Aspekt der Zeit \u00fcber den quantitativen an Bedeutung.<br>R.Musil meint:\u201cSie litten alle unter der Angst, keine Zeit f\u00fcr alles zu haben, und wussten nicht, dass Zeit haben nichts anderes hei\u00dft, als keine Zeit f\u00fcr alles zu haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Perspektivenwechsel scheint uns im Alter leichter zu fallen.<br>Oder doch nur notgedrungen, weil wir nicht mehr so schnell sind, nicht mehr so viel in einen Tag hineinpacken k\u00f6nnen? Also nicht der Einsicht, sondern der Realit\u00e4t geschuldet. Verzicht?! Selbst falls dem so sein sollte, bliebe die Aufgabe, sich zu entscheiden, d.h. aktiv sein, gestalten.<br>Es ist nicht immer leicht, seinem Tag \u2013 sagen wir nach dem R\u00fcckzug aus dem aktiven Berufsleben \u2013 seiner Zeit, eine Struktur zu geben. Was einst oft herbeigesehnt wurde, erweist sich in der Realit\u00e4t als gar nicht so leicht. Wurden Ziel und Sinn manchmal von au\u00dfen an uns gestellt, d\u00fcrfen, ja m\u00fcssen, wir uns nun selbst ein Ziel geben, um aufzustehen und zu leben. Ein solches Ziel sollte nicht nur erreichbar sein, sondern auch befriedigend. Nur so wird die notwendige Motivation entstehen, dabei zu bleiben sowie die Disziplin, um das Geschenk der nun zur Verf\u00fcgung stehenden freien Zeit auch zu nutzen \u2013 und zu genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erinnerte Zeit<\/strong><br>Es geht nicht nur um die Erinnerung an Ereignisse, Menschen und Dinge, sondern auch um das Erinnern an uns selbst. Wer war ich einmal? Was habe ich gedacht, gemacht, was erreicht? Was ist aus mir geworden \u2013 im Laufe der Zeit?<br>Wie war das damals, in meiner Familie, mit meinen Geschwistern und was ist aus ihnen geworden?<br>Vieles verbindet sich mit Schmunzeln, manches mit Entt\u00e4uschung oder gar Erschrecken.<br>Es ist eine R\u00fcckschau auf eine lange Zeitspanne, die wir an all den Ver\u00e4nderungen festmachen.<br>Wie wir zur\u00fcckschauen, h\u00e4ngt mit dem Gef\u00fchl zusammen, das die Erinnerung in uns ausl\u00f6st. Sind wir \u00fcberwiegend positiv gestimmt \u2013 zufrieden \u2013 oder vielleicht sogar stolz oder eher verbittert, f\u00fchlen wir uns betrogen in unserem Leben, weil nicht das Erhoffte eingetreten ist? War zu Beginn unseres Lebens die Zukunft offen f\u00fcr unsere Ideen, so scheint sie nun verstellt durch immer mehr Abh\u00e4ngigkeiten und Bedingungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erinnerte Zeit ist R\u00fcckschau.<br>Sie ist ein Verrechnen von M\u00f6glichkeit und Realit\u00e4t. Und wenn es f\u00fcr dieses Aufrechnen noch nicht zu sp\u00e4t ist, geht es um Neu- oder Feinjustierung mit der Fragestellung: was ist noch m\u00f6glich.<br>In diesem NOCH ist das Bewusstsein der Endlichkeit unserer Existenz enthalten.<br>Zuerst vielleicht etwas zaghaft tastend wagen wir uns an die Vorschau, an das, was wir noch erhoffen, uns w\u00fcnschen, an das \u201eNoch einmal\u201c oder \u201eBevor es zu sp\u00e4t ist.\u201c<br>Und was das dann sein wird, h\u00e4ngt von der Analyse unserer Ziele ab und von der Reflexion unserer M\u00f6glichkeiten. Haben wir uns bisher im Leben etwas vorgemacht oder uns doch relativ realistisch verhalten? Ist es uns gelungen, unserem Leben Sinn zu geben?<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens jetzt wird klar, dass die Wahrheit die Tochter der Zeit ist.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich hat sich als das Bedeutendste herausgestellt, meinem Leben einen Sinn zu geben. Dieser hat immer mal kleinere Variationen erfahren, sich aber zunehmend klarer herauskristallisiert. Schlie\u00dflich hat er entscheidenden Anteil an meiner Identit\u00e4t. Er ist der Kern meines Selbst, von dem aus ich wertend in der Welt agiere, der mein ethisches Handeln in der Welt leitet, meine Authentizit\u00e4t ausmacht.<br>Wenn dies halbwegs gelingt, hilft es mir sogar \u00fcber die Falten und anderes Ungemach hinweg.<br>Es geht um Akzeptanz, nicht um Resignation.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Falten nehmen zu, die Sozialkontakte ab. Die Zeit, sich mit sich selbst zu besch\u00e4ftigen wird l\u00e4nger.<br>Die Frage steht da unausweichlich: bin ich der, der ich sein m\u00f6chte? Kann ich mich auch mit meinen Einschr\u00e4nkungen akzeptieren? Und tun das die anderen auch? Wie viel allein-sein halte ich aus? Wie viel soziales Echo brauche ich? Will ich Kompromisse machen und um welchen Preis?<br>Nicht jeder mag allein sein, aber wohl kaum jemand einsam.<br>(An)sprache und Hautkontakt sind kostbare Geschenke im Alter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Epilog<\/strong><br>W\u00e4hrend der Kindheit und Jugend spielt die Zeit kaum eine Rolle. In unserem erwachsenen Leben jagen wir atemlos hinter ihr her, weil sie so schnell vergeht. Im Alter wird uns bewusst, dass das Zeiterleben h\u00f6chst individuell ist. Wir versuchen den Sinn unserer Existenz in ihr zu finden.<br>Manchmal kommt mir das Leben wie eine Blume, eine Tulpe vor. Eine schmale, gr\u00fcne Spitze schiebt sich m\u00fchsam vor, wird kr\u00e4ftiger gr\u00fcn, entwickelt starke Bl\u00e4tter. Allm\u00e4hlich f\u00e4rbt sich die Knospe und entfaltet sich zu einer stolzen, \u00fcppigen Bl\u00fcte. Und dann vollzieht sich die Metamorphose, die mich immer wieder aufs Neue fasziniert: die Bl\u00fcte welkt zwar, doch wird sie dabei zu einer unglaublich reich differenzierten Sch\u00f6nheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prolog \u201eWenn mich keiner danach fragt, wei\u00df ich es. Aber wenn ich es jemanden, der mich fragt, erkl\u00e4ren m\u00f6chte, wei\u00df ich es einfach nicht.\u201c (Augustinus) Ich m\u00f6chte hier nicht den unz\u00e4hligen B\u00fcchern \u00fcber die Zeit noch ein weiteres hinzuf\u00fcgen, sondern etwas von meiner subjektiven, psychologischen Zeiterfahrung berichten. 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