{"id":310,"date":"2021-06-16T12:10:14","date_gmt":"2021-06-16T10:10:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/?p=310"},"modified":"2021-06-16T14:33:18","modified_gmt":"2021-06-16T12:33:18","slug":"burma-zeitlosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.chraecker.de\/kocks\/2021\/06\/16\/burma-zeitlosigkeit\/","title":{"rendered":"Burma &#8211; Zeitlosigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Eines meiner bewegendsten Erlebnisse hatte ich in einer Tempelanlage auf einem S\u00e4ulenstumpf abseits von Menschen, allein.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hei\u00dft \u201ebewegend?\u201c \u00c4u\u00dferlich bewegte ich mich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anderen waren zur Besichtigung losgezogen.<br>Ich sa\u00df ganz still, benommen von der mich umfassenden Ruhe. Ein tiefes Gl\u00fccksgef\u00fchl durchstr\u00f6mte mich. Ich f\u00fchlte mich Eins mit der Fremdheit, der Sch\u00f6nheit, der Gelassenheit des Ortes. Alle Sehns\u00fcchte, aber auch \u00c4rgernisse, M\u00fchen und Bed\u00fcrfnisse waren aufgehoben in wunschloser Existenz, in absoluter Erf\u00fcllung des Sinns.<\/p>\n\n\n\n<p>So muss sich Ewigkeit anf\u00fchlen.<br>\u201eDas Hier und Jetzt ist Ewigkeit, das hei\u00dft Zeitlosigkeit; Ewigkeit ist nicht, wie oft f\u00e4lschlich angenommen wird, die ins Unendliche verl\u00e4ngerte Zeit.\u201c (E. Fromm, Haben oder Sein)<\/p>\n\n\n\n<p>War ich ans Ziel meiner Reise angekommen?<br>Was war das \u00fcberhaupt f\u00fcr ein Ziel? Die Tempel in Burma besichtigen? Erleben wie Fr\u00f6mmigkeit den Alltag der Menschen bestimmt? Also, eine Bildungsreise? Eine Entdeckungsreise konnte es nicht sein \u2013 es sei denn, eine Reise zu sich selbst und dem Wunsch, eine neue Erz\u00e4hlung mit sich selbst anzufangen.<br>Ich versank in eine tiefe Melancholie, nicht Trauer oder gar Depression, sondern in eine Nachdenklichkeit \u00fcber die Frage nach dem Sinn \u2013 dieser Reise. Es ging mir nicht um das Sammeln exotischer Eindr\u00fccke, sondern um das Sich-ber\u00fchren-lassen, sich ver\u00e4ndern durch das Relativieren des eigenen Gesichtspunktes und wahrnehmen wie Gef\u00fchl und Verstand auseinanderklaffen. Ein Gef\u00fchl, anger\u00fchrt von Anmut und Stimmigkeit der Bewegungen der Menschen, der Sch\u00f6nheit der Natur, der unglaublichen Kunstfertigkeit von Skulpturen, Harmonie der Tempel. Der Verstand, der die oftmals bedr\u00fcckenden Lebensbedingungen der Bettler, der verwahrlosten Kindern durchaus registrierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wurde ganz still. Die Gesch\u00e4ftigkeit l\u00e4rmte au\u00dferhalb des Tempels. War ich Betrachter oder lie\u00df ich mich in das Geschehen einbeziehen? M\u00fcsste ich nicht Stellung beziehen? Aber wie k\u00f6nnte ich das, ohne dabei doch von meinen Lebensbedingungen als Bezugspunkt auszugehen? Mir fehlte das Gespr\u00e4ch, um besser zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat man den Mut, sich auf das Fremde einzulassen, riskiert man Ver\u00e4nderung \u2013 als Irritation oder als Bereicherung.<br>Auf einmal war \u201emeine\u201c Stille gar nicht mehr still.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder bedeutete Reisen f\u00fcr mich die Suche nach Eins-sein, nach Stimmigkeit, nach Sch\u00f6nheit?<br>Das Eins-werden mit dem Dao?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie finden Gef\u00fchle und Verstand dann zu einander, wenn die Diskrepanzen der Wahrnehmung so sehr auseinanderklafften, das \u00dcberw\u00e4ltigende von Sch\u00f6nheit und das bitterste Elend?<br>Oder geht das Eine nicht ohne das Andere, das Sch\u00f6ne nicht ohne das H\u00e4ssliche?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie, wenn beides zusammengeh\u00f6rt, ich jedoch in meinen \u201eFerien\u201c nur die sch\u00f6nen Seiten des Fremden wahrnehmen will?<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, meine kontemplative Stille war \u00fcberhaupt nicht mehr still.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong> <em>Rajasthan &#8211; eine meditative Melodie<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In unbarmherziger Mittagshitze schleppte ich mich zu der gewaltigen Tempelanlage hinauf.<br>Alle vern\u00fcnftigen Lebewesen hatten sich in den Schatten verkrochen.<br>Das Ziel, der riesige Tempel, lockte mich aber im Moment weniger mit Skulpturen und S\u00e4ulenpracht, als mit den schattenspendenden, luftigen Hallen.<br>Doch bis dahin\u2026.reflektierten die roten Sandsteinstufen und -mauern die aufgespeicherte Hitze gnadenlos.<br>Ich hatte das Gef\u00fchl, wenn ich stehen bleibe, klebe ich fest, wie damals im Sommer auf dem Autoput durch Jugoslawien die Autoreifen im aufgeweichten Teer.<br>Also weiter. Das war wie eine Bu\u00dfprozession bevor man den Gipfel, die Erl\u00f6sung erreichte.<br>In manchen L\u00e4ndern tr\u00e4gt man Schirme, auch die Verh\u00fcllung erh\u00e4lt so einen ganz plausiblen Grund. Der Schwei\u00df rann in Str\u00f6men \u00fcber mein Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann war es geschafft. Ich suchte nicht lange wie sonst nach dem sch\u00f6nsten Aussichtsplatz, sondern lie\u00df mich aufatmend an der erst besten S\u00e4ulen nieder. Ein sanfter Windhauch schenkte K\u00fchlung, die S\u00e4ulenhalle Schatten.<br>So sa\u00df ich eine ganze Weile, versuchte wieder zu mir zu kommen, bevor ich mich umsah und staunte und staunte \u00fcber die Pracht, die Sch\u00f6nheit, den Formenreichtum, die harmonischen Proportionen. Ich stand nicht auf, sondern sog alles in mich auf, ohne mich zu r\u00fchren, ohne die Kamera zu z\u00fccken, ohne das Skizzenbuch hervorzukramen.<br>Auf einmal wurde mir bewusst, dass ich ganz allein war, kein Menschengedr\u00e4nge, weder Schwatzen, noch Rufen oder Lachen. Stille, Mittagsstille.<br>Ganz klein dr\u00fcckte ich mich an die S\u00e4ule, ich wollte diese Atmosph\u00e4re nicht st\u00f6ren. Sie lud ein zur Meditation. Sie hatte etwas Sakrales.<br>Besch\u00e4mt wurde mir bewusst, dass ich mich ja an einem heiligen Ort befand, den wir touristisch nur zu oft durch unsere Troph\u00e4enjagd entweihen. Jetzt, da sich die Eroberer in die Restaurants zur\u00fcckgezogen hatten, geh\u00f6rte der Tempel wieder seiner Bestimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich in Gedanken versunken inne hielt, h\u00f6rte ich auf einmal eine Melodie. Ich wei\u00df nicht woher sie kam. Sie klang recht fremd. Eine Bansuri? Eine Krishna Fl\u00f6te? Diese heiser klingenden Querfl\u00f6ten aus Bambus. Jemand spielte wie vor sich hin sinnend &#8211; Tempelmusik f\u00fcr Gott Krishna.<br>Eine unendlich melancholische Melodie, meditativ und entspannend zugleich.<br>F\u00fcr einen Wimpernschlag war die Welt heil.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Seele wurde ganz weit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines meiner bewegendsten Erlebnisse hatte ich in einer Tempelanlage auf einem S\u00e4ulenstumpf abseits von Menschen, allein. Was hei\u00dft \u201ebewegend?\u201c \u00c4u\u00dferlich bewegte ich mich nicht. Die Anderen waren zur Besichtigung losgezogen.Ich sa\u00df ganz still, benommen von der mich umfassenden Ruhe. Ein tiefes Gl\u00fccksgef\u00fchl durchstr\u00f6mte mich. 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