Geschichten vom Reisen

Prolog
Vielleicht liegt es an der aktuellen Krisensituation, der Corona-Pandemie, dem Lockdown, dass die Sehnsucht nach Reisen so heftig empfunden wird. Tiefenpsychologisch erklärbar, quasi als Flucht aus der „Matratzengruft“ (H.Heine).
Dann realisiert man jedoch allmählich, dass man nicht „einfach weg kann, wenn man will“, selbst wenn man es finanziell oder zeitlich könnte; wenn Gewohntes nicht mehr geht; wenn Pläne sich in dem auf einmal still gewordenen Himmel auflösen, die Straßen leer sind und das Wort Quarantäne sich mit Realität füllt. Von Erkrankung gar nicht zu sprechen.
Zwar scheint alles noch so weit weg, als dass es vorstellbar wäre und dennoch kriecht langsam Panik hoch. Wird das die Zukunft sein?
Der Lockdown zwingt zum Innehalten. Auf einmal ist Zeit für Fantasie und Erinnerung:
„Weißt du noch, wie wir…“, „gern würde ich noch einmal dahin fahren, wo…“, „…und die Polarlichter…“
Plötzlich jedoch steht wie ein Menetekel die Frage an der Wand: „ Reisen – warum?“
Dass zur Zeit Flüge unmöglich, Auto- und Zugverkehr auf existentielle Notwendigkeiten reduziert sind, verschafft der Natur und unserer Ökobilanz eine Atempause, aber Wirtschaft und Arbeitsplätze, das stete Mantra des notwendigen Wachstums raunt zwar leiser, doch unüberhörbar im Untergrund.

Zugegeben der „overtourism“ hat solch erschreckende Formen angenommen, dass man melancholisch an die Zeiten sich zurück sehnt, in denen Manches zwar schwieriger, unbequemer, vielleicht sogar gelegentlich gefährlicher, dafür jedoch „unverdorben“, „authentisch“ war. Da schoben sich noch nicht Wolkenkratzer durch die Kanäle Venedigs und Einheimische wurden nicht dafür bezahlt, Tempeltänze aufzuführen.

Mit schlechtem Gewissen fragt man, ist Reisen verantwortbar?
Aber sind Menschen nicht schon immer gereist? Sind sie nicht schon immer unterwegs gewesen? Als Krieger, Pilger und Händler, als Eroberer und Forscher, auf Entdeckungs- und Bildungsreisen und nicht zuletzt auf Erholungs- und Urlaubsreisen?
In unserer globalisierten Welt entfaltet das Unterwegssein der Menschen einen gewaltigen ökologischen Fußabdruck und nebenbei eine Express Strecke für Viren.

In dem alten hinduistischen Lehrbuch Aitareya Brahmana heißt es: „Es gibt kein Glück für den Menschen, der nicht reist. Gott ist ein Freund der Reisenden. Also breche auf!“
Wieso macht Reisen glücklich? Was ist sein Sinn?
Reisen ist Bewegung und Bewegung ist Leben, ist Neugier auf das Unbekannte, ist Begegnung mit dem Fremden, den anderen Menschen, mit Kultur und Natur. Reisen ist Begegnung mit der Welt. Und: gilt das nicht ebenso in Corona-Zeiten?
Reisen kann auch die Chance des Wechsels bis hin zur Flucht bedeuten, auch des Neuanfangs, des Bruchs mit dem Bisherigen, mit dem, was zu eng und zu starr geworden ist; also Aufbruch in eine neue Freiheit von sich selbst und den Verhältnissen, Reisen als Chance zur Entwicklung.

Reisen löst Glücksgefühle aus von Freiheit, Selbstwirkamkeit, das Erleben von Begegnung und Faszination.
Doch zum Reisen gehören Mut und Vertrauen.

Die durch den Lockdown gewonnene Zeit lässt sich nutzen, virtuell zu reisen, um Reiseerfahrungen zu reflektieren. Transportmittel sind Erinnerungen und Träume.

„Der Virus ist der radikalste Entschleuniger unserer Zeit.“ (H. Rosa)